Reisen

Mein Ziel: 42,195 Kilometer in unter drei Stunden

42,195 Kilometer in unter drei Stunden – klingt hart und anstrengend, aber irgendwie machbar. Das dachte ich mir zumindest nach fünf Marathons und bisher ungeplantem Training. Meine Bestzeit, aufgestellt im November 2017 in Valencia, liegt bei 3:10:47 Stunden. Warum sollte ich es deshalb mit „richtigem“ Training und unter Anleitung nicht unter die magische Grenze schaffen?

Der Plan: Drei Monate Training mit Kerstin Helm – und schwupps erfüllt sich der Traum Anfang Mai in Prag.

Dass es so einfach nicht geht, merke ich aber schon in meiner ersten Trainingswoche im Februar. Früher hätte ich bei Schnee und Eis die geplante Einheit einfach ausgelassen und mir gedacht: „merkt doch eh keiner“. Doch jetzt habe ich plötzlich meinen inneren Schweinehund und Kerstin im Nacken – zumindest gedanklich. Denn ein „Betrug“ an mir selbst ist auf einmal nicht mehr möglich. Da meine Garmin-Uhr, eine Art moderne Handfessel, alle Laufkilometer aufzeichnet und anschließend direkt ins Trainingsportal übermittelt, würde es sofort auffallen, wenn ich auf eine Einheit verzichte. Also heißt es trotz des miesen Wetters – raus auf die Strecke.

Obwohl ich zwischen 80 und 90 Kilometer in fünf bis sechs Einheiten pro Woche absolviere, macht die Schinderei nach zwei bis drei Wochen richtig Spaß. Der Weg ist das Ziel! Weniger Freude machen mir dagegen die Stabi-Einheiten. „Das ist wichtig“, meint Kerstin immer wieder. Für mich sind die wöchentlichen 30 Minuten dagegen eine Qual. Kein Wunder, ich habe sowas vorher noch nie während einer Marathon-Vorbereitung gemacht. Doch ich ziehe es durch, getreu dem Motto: „Der Trainer hat immer Recht.“

Erstaunlich überhaupt, was so eine richtig geplante Marathon-Vorbereitung mit persönlichem Trainingsplan in einem auslöst. Bei mir dreht es sich spätestens ab Ende März irgendwie nur noch ums Laufen, aber es stört mich auch nicht. Vor der Arbeit geht es bei jedem Wetter raus. Ich merke, Intervall-Einheiten im Stadion oder Läufe an der Spitzhaus-Treppe sind doch cool – das muss an der zunehmenden Aufregung liegen. Gut, dass mich Kerstin da immer bremst.

Apropos Kerstin, neben den wöchentlichen Laufkilometern versucht sie mich auch ernährungstechnisch auf den großen Tag vorzubereiten. Dass ich mich, wie vor jedem der bisherigen Marathons übergebe, dürfte ihrer Meinung nach nicht passieren. Die Folge: Statt Wiener mit Brötchen sowie einem köstlichen, industriellen Jogurt, soll ich es doch lieber mal mit Toast und Honig probieren – schmeckt nicht so gut, bleibt aber drin…

Etwas wiederwillig schlucke ich mein „neues Frühstück“ ab jetzt vor jeder langen Einheit herunter. Und siehe da, meinem Magen gefällt es. Selbst als es drauf ankommt, am Tag des Marathons, bleibt alles drin. Ein Start nach Maß könnte man meinen. Auch vom Körpergefühl und vom eigenen Gewissen fühle ich mich am Wettkampfmorgen bestens. Denn bis auf zehn Krankheitstage und eine Einheit, die aus beruflichen Gründen ausfallen musste, habe ich wirklich jedes Training mitgenommen. „Was soll da schief gehen“, meint auch Kerstin.

42,195 Kilometer in unter drei Stunden – mein Traum scheint wahr zu werden. Denn ich bin auf Kurs. Die ersten zehn Kilometer in einem 4.10er Schnitt laufen wie ein Länderspiel. Dass ich im Vorbeilaufen eine neue persönliche HM-Bestzeit aufstelle, ist nur ein positiver Nebeneffekt. Bei Kilometer 28 werde ich erstmals etwas langsamer. Aber alles im Lot, denn so war es geplant. Halte ich jetzt den 4.25er Schnitt, geht alles so auf, wie Kerstin und ich es vorm Start ausgerechnet haben. Zehn Kilometer vorm Ziel habe ich noch zwei Minuten Puffer. Doch da ist er. Aus dem Nichts taucht bei Kilometer 35 dieser Mann mit dem Hammer auf. Mein Durchschnittstempo bricht auf 4.40 ein.

Das war’s – schießt es mir in den Kopf. Ab jetzt funktioniere ich nur noch. Aufgeben ist aber keine Option. Das Ding irgendwie zu Ende bringen. Vier Kilometer vorm Ziel sind meine Beine ein einziger Krampf. Nur nicht stehen bleiben. Gleich geschafft. Zielgerade! Jetzt kommt der Moment, wo ich sonst immer Gänsehaut bekomme und mir Tränen in die Augen schießen – vor Freude. Doch diesmal torkel ich einfach nur weiter.

Bei 3:04:06 Stunden bin ich im Ziel. Gerade so schaffe ich es über den Zeitteppich. Dann sacke ich schmerzverzerrt zusammen. Dass Sanitäter versuchen meine Krämpfe zu lösen, bekomme ich geradeso noch mit. Doch dann wird mir schwarz und ich wache mit einer Infusion im Arm im Sani-Zelt neben einer afrikanischen Spitzenläuferin auf.

Sie landete als Zweite auf dem Podium. Ich bin einfach nur traurig. Der Traum ist geplatzt. Um verdammte 246 Sekunden! Wie ein Häufchen Elend laufe ich anschließend durch Prag. Mir geht es wieder besser, doch um zu realisieren, dass ich meine Bestzeit um mehr als sechs Minuten verbessert habe, braucht es noch 24 Stunden. Dann kann ich auch stolz über das Geleistete sein.

Überraschend: Am Tag danach quäle ich mich nicht schmerzverzerrt die Stufen im Büro hinauf und runter, sondern fühle mich wie ein junges Reh. Das muss am Training liegen – so gut ging es mir noch nie. Ein Grund auch, warum ich mich sofort wieder für den nächsten Marathon angemeldet habe.

Im September soll es in Estland dann endlich mit dem Traum klappen – wieder mit der Unterstützung von Kerstin. Denn ich bin überzeugt an ihrem Training lag es nicht. Noch nie war ich vor einem Marathon so gut drauf. Noch nie habe ich auch einen Trainingsplan so konsequent umgesetzt. Dass es (noch) nicht zur Traumzeit gereicht hat, ist nur das fehlende i-Tüpfelchen und am Ende vielleicht auch eine Frage der Tagesform.

Auf ein Neues, im September 2018!

3 Kommentare

  • Ute
    27. August, 2018 um 22:10

    Unterstützung hast du auch durch dein wöchentliches Stabitraining.

  • Charly Suter
    10. Juli, 2018 um 14:02

    Ich habe so oft versucht, einen Marathon zu machen, maximal kann ich einen Halbmarathon in etwa 2 Stunden machen, was meiner Meinung nach immer noch gut für eine Person ist, die fast den ganzen Tag im Büro sitzt :)

  • Reini
    08. Juli, 2018 um 13:01

    Cooler Beitrag, Sten und ToiToiToi für Estland! New York wird dann wohl aber nicht 2018?

  • Einen Kommentar schreiben

    * Pflichtfelder

    Mit der Absendung eines Kommentares erklärt ihr euch einverstanden, dass die im Formular eingegebenen Daten (Name & Email-Adresse) von uns gespeichert werden. Euer Kommentar wird nach Prüfung gemeinsam mit eurem angegebenen Namen veröffentlich. Eure Emailadresse wird weder veröffentlich, noch für Marketingzwecke genutzt, sondern dient lediglich dafür, dass wir euch bei Rückfragen kontaktieren können. Ihr könnt diese Einwilligung jederzeit per Email an uns für die Zukunft widerrufen. Ausführliche Informationen findet ihr auch in unserer Datenschutzerklärung.