Roadrunning

Berlin! Du bist so wunderbar. BERLIN!

In welchem Sport geht das schon so einfach? Im gleichen Rennen, auf der gleichen Strecke sein wie der Weltrekordhalter wenn er diesen aufstellt!?

Beim 45. BMW BERLIN-MARATHON stellt der Kenianer Eliud Kipchoge am 16. September 2018 einen neuen Weltrekord über die 42,195 km auf: Der 33-jährige läuft nach 2:01:39 Stunden über die Zielgerade am Brandenburger Tor – gefolgt von 40.774 weiteren Läufern.

Um 09:15:01 Uhr überquert er die Startlinie, läuft von Beginn an sein ganz eigenes Rennen. Weiter hinten, in Startblock D, blicke ich aufgeregt in den bestechend blauen Himmel - den emporsteigenden Luftballons hinterher.  So langsam setzt sich die Masse in Bewegung, aber es bleibt noch Zeit für ein Selfie mit Friedolin Flink. Zweieinhalb Minuten später bin auch ich an der Zeitmatte angekommen. Kipchoge hat inzwischen schon die Goldelse hinter sich gelassen und fast den ersten Kilometer in der Tasche.

Er setzt sich unmittelbar nach dem Start vom Feld ab, führt souverän durchweg. Zunächst begleiten ihn drei Pace-Maker - mich begleitet mal wieder Klemmi. Nur haben wir nicht ganz so freie Bahn wie der Spitzenläufer, müssen zunächst unseren Platz im Feld finden. Zwischen Kilometer fünf und sieben schieben wir uns vor die 3:15-Zeitläufer um aus dem Gewühl zu entfliehen. Ein kurzer Zwischensprint, geradezu auf die Laufszene-Flagge bei Kilometer 6,5 zu, macht das möglich. Kipchoge würde diesen „Sprint“ wahrscheinlich nicht mal als „Joggen“ bezeichnen – der ist hier schon vor mehr als zehn Minuten durch und hat inzwischen einen komfortablen Vorsprung auf seine Verfolger.

Er läuft durchgängig ein Tempo zwischen 02:52 und 2:56 Minuten pro Kilometer. Ich bin nicht im Stande, mich überhaupt so schnell zu bewegen. Nach etwas mehr als 43 Minuten hat er Kilometer 15 erreicht. Dafür brauche ich ganze 1:07:25 Stunden – eröffne allerdings nebenbei meine höchstpersönliche Schlagerparty und erkläre der Familie am Telefon, dass wir besser heute Abend telefonieren: „ … ich lauf‘ grad einen Marathon.“ Jetzt wird erst einmal gelaufen. Mit Leib und Seele! DIESE Stimmung, DIESES Gefühl – jeder Kilometer gefüllt mit Menschen, Trommeln, Musik, mit Stimmung und Energie - das gibt es SO nur in Berlin. Ich lasse mich davon tragen. In 1:35:01 Stunden zum Halbmarathon.

Mit einem minimal negativen Split wäre für mich jetzt sogar noch die Haushaltsbestzeit drin. Der Weltmeister macht es vor: Er ist hier schon nach 61:06 Minuten und nimmt sich für die zweite Hälfte dann nur noch 60:33 Minuten Zeit (zum Vergleich: der deutsche Halbmarathon-Rekord steht bei 60:34 Minuten). Das gelingt mir nicht ganz ;-) Die Euphorie trägt mich noch über den Halbmarathon hinweg, wo zum zweiten Mal die Laufszene-Flagge weht und lässt mich sogar fast den ersten Magenkrampf ignorieren.

Meine wichtigsten Meilensteine habe ich auf meine Startnummer geschrieben: der nächste ist bei Kilometer 25, wo Maty & Ulf am Streckenrand warten sollten. Als ich ihnen gegen 11:10 Uhr um den Hals falle und in die Tüte mit den Gummibärchen  greife, hat Kipchoge bereits Kilometer 40 erreicht. Er verlor hier schon vor über 40 Minuten seinen letzten Pacemaker und lief die verbleibenden 17 Kilometer allein ins Ziel.

Klemmi, auch wenn ich ihn schimpfend mehrfach wegschickte, steht mir weiter zur Seite. Motivierend, aufmunternd, tröstend – denn die Bauchkrämpfe haben inzwischen die Euphorie besiegt und machen den eigentlich dringenden Energienachschub zur unmöglichen Mission. Pflichtbewusst schnappe ich mir am UltraSport Stand bei Kilometer 27 trotzdem eine Handvoll Gels. Just in diesen Minuten überquerte Eliud Kipchoge nach 02:01:39 Stunden die Ziellinie und verbessert damit den alten Weltrekord seines Landsmannes Dennis Kimetto (2:02:57, 2014) um 1:18 Minuten. Er bringt damit die größte Steigerung des Männer-Weltrekordes im Marathon seit über 50 Jahren auf den Asphalt. Nun posiert der frisch gebackene Weltmeister im Zielareal für die Kameras und liegt Betreuern und Gratulanten im Arm - und ich zehn Minuten später meinem lieben Gatten bei Kilometer 30. Ich drücke ihm die Ladung Gels in die Hand, die ich bis hierher getragen hatte und eh‘ nicht runter bekommen würde, hocke mich vor seinen Füßen auf die Straße.

So schnell sein, wie Kipchoge und damit Feierabend für heute. Das wär’s! Eigentlich will ich erklären, dass ich nicht mehr kann und nicht mehr möchte – aber plötzlich kommt Hektik auf. Der Gatte drückt mir einen Kuss auf und winkt, Klemmi zerrt mich weiter und schon – ohne es recht zu begreifen - bin ich wieder auf der Strecke. Während Kipchoge sich wahrscheinlich das erste Bier aufmacht, überlege wie (in Läuferherrgottsnamen!) ich jetzt noch 12 Kilometer überstehen soll. Auf meiner Startnummer ist noch ein Meilenstein übrig: zwischen Kilometer 37 und 38 weht noch mal die Laufszene Flagge. Das erscheint mir in diesem Moment als Weltreise, aber Hej! – Jede Reise beginnt mit einem ersten Schritt ;-) Trotz weiterem Voranschreiten meines energetischen Totalausfalls, gelingt es mir, mich an Klemmis Fersen bis zur Potsdamer Straße zu schleppen. Im Augenwinkel erspähe ich am linken Rand noch meinen letzten persönlichen Motivationspunkt und komme mit der frisch gezapften Energie zumindest wieder ganze 500 Meter. Immer noch vier Kilometer! Kipchoge müsste man sein. Der Held des Tages ist schon über eine Stunde im Ziel, inzwischen bestimmt geduscht, bekommt eine Massage oder hat die Füße im Fußbad.

Mein persönlicher Held Klemmi ist längst in den Modus eines solidarischen Dauerläufchens gewechselt und bringt mich irgendwie bis zur Straße des 17. Juni. Keine Details von Kilometer 38 bis 42! Als aber schließlich das Brandenburger Tor vor uns zu sehen ist, wir darunter hindurch laufen und dann geradewegs auf den Zielbogen zu, weiß ich: Berlin! Du bist so wunderbar. BERLIN!

40.775 finishen den 45. BMW BERLIN-MARATHON. So viele wie noch nie! Gemessen an den Siegzeiten war es das schnellste Rennen über die 42,195 km aller Zeiten. Mein schnellstes war es nicht. Aber garantiert das einzige, bei dem auf der gleichen Strecke, im gleichen Rennen der Weltrekord aufgestellt wurde.

Berlin! Du bist so wunderbar rekordverdächtig. BERLIN!

Bilder: (C) Sportograf GmbH & Co. KG sowie eigene
Quellen: meine very own Eindrücke und Erfahrungen sowie
> Berlin Marathon News
> Berlin Marathon Results: Kipchoge, Eliud
> Berlin Marathon Results: Keßler, Nicole

1 Kommentar

  • Sven Poike
    05. Oktober, 2018 um 07:07

    Toll geschrieben, liebe Nolle! Glückwunsch und Respekt vor deiner Leistung. Ich kenne den Berlin Marathon als Läufer und Inline-Skater. Dieses Jahr war ich mal wieder auf Rollen 1 Tag vor dem neuen Weltrekord auf der Strecke. Und ja, es ist immer etwas besonderes in Berlin, das ganze Marathon Wochenende. Ich hatte bei Deinen letzten Zeilen echt Pipi in den Augen und konnte Dein Erlebnis nur zu gut nachempfinden. Nächstes Jahr werde ich als Doppelstarter in Berlin dabei sein: Am Samstag auf Rollen, Sonntag in Laufschuhen. Eine Begleitung wie Klemmi wäre da sicherlich hilfreich

  • Einen Kommentar schreiben

    * Pflichtfelder

    Mit der Absendung eines Kommentares erklärt ihr euch einverstanden, dass die im Formular eingegebenen Daten (Name & Email-Adresse) von uns gespeichert werden. Euer Kommentar wird nach Prüfung gemeinsam mit eurem angegebenen Namen veröffentlich. Eure Emailadresse wird weder veröffentlich, noch für Marketingzwecke genutzt, sondern dient lediglich dafür, dass wir euch bei Rückfragen kontaktieren können. Ihr könnt diese Einwilligung jederzeit per Email an uns für die Zukunft widerrufen. Ausführliche Informationen findet ihr auch in unserer Datenschutzerklärung.