Trailrunning

Das Rezept für eine erfolgreiche Juniorenweltmeisterschaft

In diesem Jahr haben es wieder zwei Sachsen zur Juniorenweltmeister im Orientierungslauf (JWOC) geschafft. Ich hatte die Ehre unter den 9 Athleten aus ganz Deutschland dabei sein zu dürfen und vom 6. Juli bis 15. Juli 2018 nach Ungarn, Kecskemét zu fahren.

Vorbereitung

Die Vorbereitung startete bereits im Herbst 2017, als ich mich zusammen mit meinen Trainern entschied, mich für die JWOC zu bewerben. Danach begann ich mir alte Karten von dem Wettkampfgelände anzuschauen, denn dort durften wir nicht trainieren, um uns keinen Vorteil zu verschaffen. Trotzdem konnte ich mir anhand der Karten ein ungefähres Bild vom Gelände machen. Diese JWOC sollte sehr flach werden, da sie rund um die „City of Golden Sand“, also im Buschland von Ungarn stattfinden würde. Um bei der Langdistanz auf eine Siegerzeit von 57 min zu kommen, wurde es dieses Jahr die längste Strecke der JWOC-Geschichte und dieser Aufgabe wollte ich mich stellen! Die Mitteldistanz hingegen würde technisch sehr anspruchsvoll werden, da sie durch das labyrinthartige Buschland führte. Das hieß für mich: Ich benötigte Schnelligkeit gepaart mit guter Ausdauer und muss alle Schwierigkeitsstufen im Orientierungslauf (OL) beherrschen. Na toll. Und jetzt?

Zubereitung

Zuerst einmal begann das Wintertraining mit vielen langen Dauerläufen und einem Ski-Trainingslager (TL) in der Schweiz, gefolgt von der Nominierung in den C-Kader, einem ersten Fitnesstest des Kaders in Saarbrücken im Januar und dem Technik-TL in Detmold im Februar.

Im Frühling fingen auch schon die ersten Wettkämpfe an und ich bereitete mich auf die Qualifikationsläufe (Qualis) vor. Doch bevor diese stattfanden, fuhr ich noch einmal über Ostern in die Schweiz ins TL. Leider verletzte ich mich beim Training, ein denkbar schlechter Zeitpunkt.

Nach fußschonenden Einheiten lief ich die erste Quali und konnte eine gute Leistung zeigen. Leider musste ich in Absprache mit dem Bundestrainer den zweiten Lauf wegen Fußschmerzen absagen.

Auch die dritte Quali war nicht mein bester Lauf und die JWOC-Teilnahme rückte in weite Ferne. Umso mehr freute ich mich, als ich doch die Nominierung schaffte, auch wenn mich gleichzeitig Zweifel packten, ob ich wirklich bereit war und es verdient hatte mitzufahren. Diese Zweifel wurden leider noch einmal verstärkt, als ich bei der Deutschen Meisterschaft im Sprint mit einem komplett vermasselten Lauf nur 10. wurde.

Die letzte Zutat wurde dann im Vorbereitungs-TL hineingeworfen. Wir fuhren direkt nach Ungarn, um in den angrenzenden Wäldern zu trainieren. Nun stieg auch die Vorfreude und die Aufregung, denn ich war noch nie in solch einem Gebiet gelaufen. Also lernte ich viel in kurzer Zeit und bekam die nötige Motivation und Unterstützung von unserem Team.

Essen

Beim Kochen/ Backen ist das Essen eigentlich immer der schönste Teil. - Wenn man vorher alles richtig gemacht hat! So ging es für mich 3 Wochen später mit dem Flixbus nach Ungarn. Alles war gepackt, das Nationaltrikot eingepackt und die Motivation stimmte. Nach einer abenteuerlichen Fahrt, bei der wir fast den Anschluss nicht fanden – warum gibt es keine OL-Karten von Busbahnhöfen?-  kamen wir am Freitag in Budapest an und erkundeten die Stadt mit einem EasyRun bei Nacht.

Am Samstag trafen wir endlich auf alle anderen 35 Nationen und bezogen unsere Zimmer in einem Internat in Kecskemét.

Den Tag darauf hatten wir etwas Zeit die anderen kennen zu lernen und nahmen am Vor- und am Nachmittag an einem Model Event teil, bei dem wir auf den bereits bekannten Trainingskarten liefen und uns so auf die Karte und das Gelände einstimmten. Am frühen Abend wurde die JWOC dann offizielle mit einer Eröffnungsfeier eröffnet.

Für mich ging es am Montag als erste Deutsche um 9:48 auf die Langdistanz. Nachdem ich etwas knapp zum Start kam, hatte ich kaum Zeit aufgeregt zu sein und begann den Wettkampf sehr ruhig. Leider machte ich zu Posten 5 eine großen Fehler und meine Teamkollegin, die einige Minuten nach mir gestartet war hatte mich bereits ein. So versuchten wir uns gegenseitig zu pushen, denn gerade im Schlussteil wurde es noch einmal richtig hart und wir kamen beide erschöpft ins Ziel. Am Ende bedeutete dies der 82. Rang. Für mich ein gutes Ergebnis, aber allgemein nicht erwähnenswert.

Abends fühlten sich meine Beine komplett tot an und ich fragte mich, wie ich noch 4 weitere Wettkämpfe durchstehen sollte!? Ersthaft überlegten wir, ob wir uns nicht in die Massagelisten der Ungarn, die mit uns auf einem Gang wohnten, eintragen sollten, denn ein Physio war für uns zu teuer.

Gegen 20:00 erfuhr ich dann, dass ich am nächsten Tag aufgrund des Losverfahrens den Sprint-Wettkampf eröffnen würde. Am Anfang war ich mega aufgeregt, doch nach dem Gespräch mit meinem Trainer nahm ich die Situation an und nahm mir als Ziel, als Erste die Ziellinie zu überqueren, welches ich auch durch ein Zielsprintbattle erreichte. :)

Doch das rückte bald in weite Ferne, als unser bester Sprinter Colin Kolbe an den Start ging. Per Live GPS-Übertragung, die nur die Finisher sahen, da alle anderen Athleten in Quarantäne saßen, verfolgten wir, dass er einen nahezu perfekten Lauf hinlegte. In der Arenapassage vergaß er jedoch fast den Sichtposten und uns stockte allen der Atem. Erst als er wieder zurück rannte, feuerten wir ihn wieder wie wild an. Für uns alle war dieser Lauf beinahe genauso anstrengend, wie für Colin. Immer wieder sahen wir ihn durch die Häuser und Büsche hindurch und als er unter unseren Rufen ins Ziel kam und tatsächlich, nach 27 Jahren ohne einen Titel, Juniorenweltmeister wurde, konnten wir es alle fast nicht glauben. Der restliche Tag verlief wie im Traum. Plötzlich kamen die Trainer von anderen Nationen auf Colin zu und gratulierten ihm, obwohl sie ihn vor 30 min nicht einmal kannten, denn niemand hatte erwartet, dass ein Deutscher gewinnen würde! Als wir dann auch noch die Nationalhymne sangen, hatten wir bereits alle einen Gesichtskrampf vom Grinsen. Am Abend feierten wir den Sieg noch kurz mit Kuchen und Limo.

Der Mittwoch war Ruhetag und Regenerationstag. Gleichzeitig war aber auch Zeit die anderen Athleten bei Gesellschaftsspielen kennen zu lernen, wie zum Beispiel berühmte Personen pantomimische darzustellen. Und wer war mit dabei? - Colin Kolbe!

Der Donnerstag war wieder voll durchgeplant mit dem Qualilauf für die Mitteldistanz. Um zu unserem Start zu kommen wurden wir dabei mit Ural-Mannschaftstransportern des Militärs transportiert. Bei über 30°C navigierten wir uns dann durch das sandige Buschland. Ich qualifizierte mich für das B-Finale von A, B und C und startete deshalb am Freitag auf die zweitlängste Strecke. Diese war technisch extrem anspruchsvoll und aufgrund eines größeren Fehlers kam ich am Ende ziemlich enttäuscht ins Ziel.

Der letzte Wettkampf am Samstag war die Staffel. Durch meine Vorleistungen kam ich nicht in die erste Staffel und lief zusammen mit meiner Mannschaftskameradin und einer Französin. Die Strecke ging bei senkender Hitze über offenes Grasland und das Tempo der anderen war extrem hoch, sodass ich ab Posten 4 nicht mehr mithalten konnte und abreißen ließ. Die Hitze und die Vorbelastung forderten bei mir ihren Tribut. Für mich war dies eine krasse Erfahrung, da ich es sonst gewöhnt bin, vorne mitzulaufen. Ich war irgendwie total sauer und wütend auf mich und machte dann auch noch einen doofen Fehler. Im Ziel kam ich, wie so viele, komplett fertig an und war froh und gleichzeitig traurig, dass die JWOC jetzt vorbei war.

Am Abend waren die Kräfte jedoch wieder da und es wurde gemeinsam mit den 330 anderen Athleten bis in die frühen Morgenstunden gefeiert, getanzt, gequatscht und gelacht.

Der Abschied am Morgen war dann sehr wehmütig, doch ich wusste auch, dass ich noch zwei weitere Jahre haben würde, um mein Rezept zu verfeinern. Vielleicht wird es ja doch noch ein so perfektes, wie das von Colin Kolbe!?

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