Trailrunning

Grenzerfahrung #WallRun

Ein Lauf fürs Leben

Es ist Anlauf Nummer fünf oder sechs. Ich habe nicht die geringste Ahnung, wo ich anfangen soll. Wie ich 10 Tage voller Erlebnisse und Emotionen in einen Blogpost packen soll. Darum verabschiede ich mich davon, dass zu versuchen und tauche mit euch in ein paar Erinnerungen und Momente ein - die diese Reise so besonders und einmalig gemacht haben.

Wie alles begann.

Man bekommt nicht alle Tage einen Anruf von Philipp Reiter - via WhatsApp aus dem Everest Base Camp auf irgendetwas um fünfeinhalbtausend Meter Höhe.
“Hej Nolle, ich hab da so eine Idee. [...] 30-jähriges Jubiläum des Mauerfalls [...] ehemalige Grenze ablaufen [...] Eine Woche lang, mit Campern und so [...] - hast du nicht Lust dabei zu sein?”.
Ja, da ist man schon mal kurz sprachlos. Sogar ich.  “Wann?”
“Wahrscheinlich erste Novemberwoche. Ist jetzt relativ kurzfristig, ich weiß...”.
“Okay. Verdammt coole Idee. Tolles Projekt! Klar hätte ich da irgendwie Lust dabei zu sein. Ich muss schauen. Ich meld’ mich!”

Gespannt. Neugierig. Aber auch voller Ehrfurcht und Unsicherheit, was mich  erwarten könnte. Auch wenn ich, 1988 geboren, noch ein “echtes DDR-Produkt” bin, so habe ich bewusst kaum etwas von dieser Zeit mitbekommen. Alles was ich weiß, kenne ich aus Erzählungen. Was für eine einmalige Möglichkeit, auf so besondere Weise etwas über die eigene Heimat und Geschichte zu erfahren - sie zu erLEBEN.


Gesagt getan. (Okay, das ist jetzt wirklich arg gekürzt ;-)) Am Nachmittag des 31. Oktober machte ich mich im Laufszene Mobil also auf eine ganz besondere Reise.

Start frei.

12.00 Uhr am “Dreiländereck” Sachsen, Bayern, Tschechien. Vier Camper, ein wohntauglich-gepimpter Crafter und zwei Laufszene Busse. Eine über 20-köpfige Horde Läufer, eine mobile Film- und Fotocrew, ein zweiköpfiges Org-Team und zwei Hunde. Wann hier wohl das letzte Mal so viel los war, mitten im Nirgendwo?

Die meisten haben schon eine weite Anreise hinter sich. Zum Sortieren bleibt jetzt aber keine Zeit. Schon heute warten 90 Kilometer und alle wollen nur eins: Los! Auf die Strecke. Sehen, was wartet, auf diesem “Grünen Band”, das einst Deutschland teilte.

Also? Los! Und zwar fast alle. Gerade so viele bleiben zurück, dass Staffelablöse an den folgenden Streckenpunkten gesichert ist.  Neugierig, euphorisiert und voller Energie. Die Raketen vornweg - mit voller Kraft voraus - und die Crew der Laufszene, extra angereist um den Start dieses einmaligen Laufes zu begleiten, mittendrin. Ich frage mich kurzzeitig, wie ich eine Woche in diesem Tempo überstehen soll, verwerfe den Gedanken aber spätestens, als uns die Route direkt über eine Autobahn schicken will. Das wählen wir gemeinschaftlich ab, finden eine Unterführung und sind im gleichen Moment auch schon am Ende dieser ersten Etappe angekommen. Im Handumdrehen ist der Staffelstab übergeben und die Gruppe schon wieder hinter der nächsten Ecke verschwunden. Ich hole tief Luft und mummel mich in eine dicke Jacke. Der Wind ist bissig. Weit und breit nichts was ihn bremst oder aufhält, hier auf dem freien Feld. Ich flüchte mich schnell ins warme Auto. Wie schön, dass das hier wartet und mich auffängt.

Am nächsten Streckenpunkt warten wir auf die Läufer und jubeln ihnen zu. Die Laufszene-Crew macht sich von hier aus wieder auf den Heimweg.

Unser nächstes Ziel ist Mödlareuth. Ein Ort, heute halb Thüringen/halb Bayern, den die innerdeutsche Grenze einst in zwei Teile trennte. Mit dem Ort Familien, gemeinsame Gewohnheiten, Geschichten, Schicksale. Während wir hier warten und etwas Zeit verbringen, legen sich Dunkelheit und Nebel übers Land. Später beginnt es zu regnen. Das erste Mal spüre ich, was es bedeutet hier dabei zu sein.

Ein Plan ist gut und schön. Aber...

Auch am nächsten Tag ist die Euphorie noch immer ungebrochen. Dennoch müssen wir mit unseren Kräften haushalten. Von außen betrachtet, mag die Reisegruppe #WallRun vielleicht chaotisch wirken. Drin steckt aber doch ein recht sortierter Haufen.

Ab Tag zwei gibt es eine Art “Schichtplan”, den sich zwei Teams teilen. Eine Früh- und Nachmittagsschicht, die es der jeweils anderen möglich machen sollte, auch mal die Füße hochzulegen oder Plätze am Wegesrand zu besuchen.

Unser Tag in der “Nachmittagsschicht” beginnt meist mit einer Portion des weltbesten Porridges der Welt im Camper.  An den ersten Tagen herrscht bereits am Frühstückstisch lebhaftes Treiben und Gelächter. Irgendwann sind die Augen kleiner und wir genießen den Moment der Ruhe, bevor wir uns in den Tag stürzen. Im Idealfall treffen sich die Teams zum Mittagessen und “Schichtwechsel”. Das funktioniert nicht an allen Tagen, aber doch meist. Am Abend kommen dann alle gemeinsam auf einem Stell- oder Campingplatz zusammen, wo der Tag ausgewertet und der Plan für den Nächsten geschmiedet wird. Dazu gehört, die einzelnen Staffelstrecken auf die Läufer zu verteilen und einen Fahrplan für die Crew abzustecken.

Klingt doch alles easy, oder? Nun ja. Die Tücken liegen oft im Detail und täglich gibt es kleine oder große Herausforderungen und “Überraschungen”: Verläufer rauben uns Zeit und vernichten bereits hart erkämpfte Kilometer, eine Sperrung wegen einer Treibjagd zwingt einen Läufer von der Route und lässt ihn kurzzeitig “verloren gehen”, Wildschweine leisten uns nächtliche Weggesellschaft, auf die wir auch gut verzichten können. Genug Schlaf bekommen die meisten von uns während der 10 Tage nicht und manchmal vergessen wir einfach zu essen, weil wir schon wieder schauen, wer als nächstes dran ist und wie wir am besten weiterkommen. Dunkelheit und teils mieses Wetter sind recht stetig unsere Begleiter und machen es uns nicht einfacher. Eine der größten Herausforderungen - mit der wohl keiner so gerechnet hatte - ist aber der (nicht vorhandene) Mobil-Empfang. Ob für die Routenplanung am Abend, die Orientierung des Läufers zwischendurch auf der Strecke oder für die Crew, unterwegs zum nächsten Wechselpunkt - oft müssen wir erstmal Netz suchen, bevor wir überhaupt irgendetwas suchen können.

Ihr seht: Etwas Planung und System ist gut und wichtig. Aber oft haben wir den lieben Plan einfach Plan sein lassen und ihn mit viel Schwung über den Jordan geworfen...

Geradeaus. Nacht und Nebel und immer nur geradeaus.

Genau betrachtet, hat die Geschichte #WallRun zwei Handlungsstränge: die der Staffel, die die knapp 1.400 Grenzkilometer von Süd nach Nord per Pedes bewältigt und die, der Orte und Menschen, die auf diesem Weg besucht werden. Zweiteres übernehmen Philipp und die Filmcrew. Ich muss zugeben, dass ich von diesem Handlungsstrang daher gar nicht so viel berichten kann. Schade! Einerseits.

Andererseits ist das ein Grund, warum ich unglaublich gespannt auf den fertigen Film bin und - wohl noch viel wichtiger - umso mehr von den Orten und Landschaften aufgesogen habe, die ihre eigene Geschichte erzählen:

Wir schreiben Tag sieben, Donnerstag, der 7. November 2019. Tom ist gerade auf der Strecke und wir, Luise & Johannes im Camper und ich im Laufszene-Bus, fahren zum Wechselpunkt “Landstraße 256”. Es ist mal wieder grau. Die Orte sind winzig und bestehen aus einer Straße, gesäumt von wenigen Häusern. Meist aus Backstein. Menschen sind kaum zu sehen. Die Ruhe, die von dieser Gegend ausgeht, ist fast unheimlich. Ich drehe das Radio leise, ganz unbewusst. Wir passieren Gorleben. Ein Ort, so unscheinbar wie alle anderen. Irgendwo hier, in einem Salzstock, lagert tonnenweise Atommüll. Das alles scheint völlig surreal, ist aber blanke Realität.

Wir finden die Stelle, wo unsere Laufstrecke die Straße kreuzt. Hier will ich mich Tom anschließen. Er ist inzwischen eine reichliche Stunde unterwegs und wird sicher noch eine weitere halbe brauchen. Ich gönne mir noch einen Haferkeks und checke Toms Live-Standort. Wir haben im Laufe der Woche gelernt, den immer via WhatsApp zu aktivieren… erschrocken stelle ich fest, das Tom quasi schon fast da ist, schnappe Jacke und Rucksack und Handschuhe, würge den Keks runter. Nichts wie los.

Auf mich wartet heute ein Marathon. Nicht weil ich unbedingt 42,195 laufen müsste, sondern weil ich meinen “November-Marathon” im Kontext dieser Woche in besonderer Erinnerung behalten möchte. Die ersten elf Kilometer bis Dannenberg begleite ich Tom weiter. Es ist leichter gemeinsam. Leichter, gegen das endlose Grau und die endlosen Geraden anzukämpfen. Wir durchqueren hohe Wälder und streifen über Felder. Die Suunto, die uns den Weg weist brauchen wir hier kaum - es geht fast immer nur gerade aus. Der Keks in meinem Magen liegt quer und rebelliert, aber die Gesellschaft lenkt mich ab. Hier und da passieren wir eine Kreuzung oder Gabelung und stellen fest, dass es mal wieder gerade aus weitergeht. Ein-, zweimal erzählen wir ein paar Sätze in die GoPro. Dann laufen wir wieder einfach schweigend neben- oder hintereinander her. Der nächste Wechselpunkt kommt zwei Kilometer später als erwartet. Hier, in Dannenberg, übergibt Tom mir endgültig den Staffelstab.

Nun geht es für mich allein weiter. Noch ein paar Meter auf der Straße, dann biege ich in einen Feldweg. Die Crew ist schon wieder aus meinem Blickfeld verschwunden. Allein auf weiter Flur. So ohne jegliche Ablenkung merke ich, wie mein Magen krampft. Nach ein paarmal Zögern und Versuchen es zu ignorieren, lege ich eine Zwangspause ein. Tief durchatmen, kurz locker schütteln und weiter geht’s. Ich kämpfe mich über einen Feldweg aus Wackersteinen. Links und rechts weites Feld, ein paar Rehe die äsen. Am Horizont erahne ich einen Bauernhof. Inzwischen bricht schon die Dämmerung herein. Mein Magen gibt noch immer keine Ruhe. Die nächste Zwangspause nutze ich auch gleich, um die Stirnlampe heraus zu kramen. Bald finde ich mich auf einem Radweg neben einer Bundesstraße wieder und sehe den Laufszene-Bus und ein Wohnmobil an mir vorbeiziehen. “Crew just passed. I’ll meet them in Drehthem, again. Hopefully! It’s getting tough right now.”, erzähle ich in die GoPro, solange ich überhaupt noch ein paar Worte übrig habe. Kurz vor Hitzacker hat die Nacht den Tag geschluckt und es wird endgültig Zeit, das Kopflicht einzuschalten. Der “erste Elbblick” versinkt in der Dunkelheit.

Hitzacker schenkt mir zumindest ein paar hübsche, belebte Straßen im Laternenschein - spuckt mich dann aber unmittelbar in einen stockfinsteren Wald. Ein Weg, direkt am Wasser. Unheimlich idyllisch, sicherlich! Nur gerade nicht. Vom Wasser zieht Nebel herein, es beginnt zu regnen und mein Magen zwingt mich erneut in die Knie. Ich hätte längst etwas essen müssen, aber daran ist nicht zu denken und kämpfe mich weiter. Vor einer harmlosen Spaziergängerin erschrecke ich mich fast zu Tode. Irgendwann erreiche ich eine Straße. Ob ich mich jetzt freuen soll, oder nicht - weiß ich nicht. Gesäumt von Leitplanken geht es weiter. Durch die Nacht, den Regen. Und immer geradeaus. Kilometer für Kilometer kämpfe ich mich so an Drehthem heran. Hier wartet die Crew. Dann noch 9 Kilometer gemeinsam mit Luise. Oder soll ich schon hier einfach ins Wohnmobil steigen? Dann wäre der Marathon heute gescheitert. Nicht schön, aber kein Weltuntergang - heute, für mich.

Ein Scheitern an ähnlicher Stelle, in ähnlicher Kulisse, bei ähnlich widrigen Bedingungen und sicher oft - ähnlich wie ich heute, zu Fuß im Laufschritt - hätte für Menschen vor 30 Jahren noch ein Todesurteil sein können. Mich fröstelt.

Hinter der nächsten Kurve sehe ich am Straßenrand Stirnlampen. Luise ist bereit. Ich drücke ihr den Staffelstab in die Hand und zusammen kämpfen wir uns weiter durch den Wald, durchs Nirgendwo. Es kehrt nochmal etwas Energie und Kraft in mich. Die Orientierung im Wald ist stellenweise schwierig, aber zusammen geht es leichter. Ebenso die Hügel und den Sandboden wegzustecken. Schon bald überqueren wir eine Straße. Und noch eine und noch eine. Und schließlich wieder die Stirnlampen und Autoscheinwerfer. Am Ziel!

Für Luise geht es noch ein Stück allein weiter, bevor auch sie den Staffelstab weitergibt. Zwei Etappen sind noch übrig, für heute.

Nach Regen kommt Sonne.

Tag 8 macht alles wieder gut.

Am letzten Tag unserer Reise zeigt sich schon am Morgen die Sonne. Endlich einmal kurze Hosen! Belebte Orte mit Häusern aus Klinkersteinen säumen die Straßen. Alles ist irgendwie “gut” und fühlt sich wie “Hoffnung” an.

Ich laufe heute nochmal knapp 24 Kilometer - 13 Kilometer ab Ratzeburg, einer beschaulichen Insel, wieder mit Tom und schließlich 11 Kilometer mit dem Filmer Max. Die Strecke führt durch goldene Wälder und am See entlang. Langsam riecht es nach Meer.

Gemeinsam lassen wir die Woche Revue passieren. Wir bemerken wieder einmal wie viel uns das Laufen gibt und das diese Reise eine ganz Besondere war. Die Zeit verrinnt wie im Flug. Kurz vor der Dämmerung übergebe ich den Staffelstab an Johannes, der wiederum an Maxi, der ihn die finalen 9 Kilometer ins Ziel trägt.

Dort warten die komplette Crew, Sekt und die Ostsee.

Ein Lauf fürs Leben.

Am 09. November 1989 fiel die Mauer. 30 Jahre danach laufen wir einige “Hotspots” in Berlin ab. Mal Ost-, mal Westberlin. Eine bunt gemischte Truppe aus “Wessis” und “Ossis”. Aufgrund der Feierlichkeiten zum 30-jährigen Jahrestag herrschen erhöhte Sicherheitsmaßnahmen in der Stadt. Das Brandenburger Tor ist weiträumig abgeriegelt - unser ersehntes Finisherfoto vor dem großen Denkmal tauschen wir gegen Pommes und Bier und heiße Schoki. Auch nett!

Am Nachmittag fragt mich Max, ob mich dieser Lauf verändert hat, ob er mich zu “einer Anderen” gemacht hat. Ich bin unsicher, antworte: “Ich denke nicht.” Inzwischen weiß ich: Der Lauf hat keine Andere aus mir, aber mich wieder ein bisschen mehr zu mir selbst gemacht.

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DANKE an alle, die diese Reise möglich und so unvergesslich gemacht haben:

Reini, Philipp, Luise, Nico, Martin & Max, Tom, Johannes, Sven, Lisa, Martin, Ida-Sophie, Maxi, Luggi, Chiara - & alle, mitgefiebert haben <3

© Philipp Reiter, Nico Holtzmeyer, Tom Wagner, Maxi Zeus

1 Kommentar

  • Doreen
    20. November, 2019 um 08:08

    Tolle Bericht - echt super tolle Geschichte!! Freu mich auch auf den Film!

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