Trailrunning

Großglockner Ultra Trail — Staffette

MAX

Dank einiger unglücklicher Ereignisse in diesem Jahr (Verletzung, Wetter, Termine, etc) sollte der Großglockner Ultra Trail unser erster und einziger Test vor dem TAR werden – zumindest unter Wettkampfbedingungen.

Und so ging es am vergangenen Wochenende nach Kaprun in Österreich. Attila hatte mir den Lauf wie folgt schmackhaft gemacht: er rennt den ersten flacheren und längeren Teil und ich dann den kurzen steilen zweiten Teil. Klingt genial, denn das sind so in etwa unsere Präferenzen und Stärken.

Vor zwei Wochen hab ich mir den Kurs dann doch mal richtig angeschaut und musste feststellen, das Attilas Erinnerung etwas verzerrt war – hat er im letzten Jahr den gesamten Ultra-Trail doch absolut genial als 9. Platz gefinisht!

Tatsächlich ist der erste Teil nicht nur der längere, sondern auch der wesentlich steilere. Dazu kam noch, dass die ersten 9km und die letzten 8km vorm Ziel sehr flach waren und einen großen Straßenanteil hatten – das hat er mir vielleicht mit Absicht verschwiegen ;)

ATTILA

Es ist 22 Uhr, normalweise schlafe ich schon seit einer Stunde, sonst schlafe ich gern und viel - heute laufe ich (gern und viel). Jules bringt mich zum Start, sie ist unsere Supporterin/Fahrerin/Motivationshilfe/Einkaufsberaterin und meine Abendbegleitung in Kaprun; wir gehen aus, laute Musik, viele Menschen in bunten Klamotten und ein reges Treiben im Start/Ziel-Bereich des Großglockner Ultratrails 2019.

Mein Heimweg wird etwas länger als ihrer, Max schläft bereits und ich stehe nach freundlicher Zurückweisung im Startblock weit hinten. Laufe ich nicht ein Staffelwettbewerb? Sollte ich nicht vorne starten dürfen? Ich bin etwas erbost über die Startaufstellung und werde mich in den ersten Kilometern ungestüm vorbei drängeln müssen. Es wird eine wilde Reise durch die Nacht, bei der ich sang- und klanglos nach der Hälfte der Gesamtstrecke aussteigen darf.

Es läuft wie befürchtet, ein breites Feld vor mir, an dem ich mich auf den ersten Metern vorbeidrängeln muss. Ich weiche den Stöcken vor mir aus und versuche mir mit einem freundlichen Ton „Ich möchte nur nach Kals, kann ich vorbei?“ Gehör zu verschaffen. Ob mein Herz wegen der Ignoranz der anderen oder dem zu schnellen Tempo so schnell schlägt kann ich gar nicht sagen. Es liegen gut sieben Stunden Dunkelheit vor mir, ich sollte mich beruhigen. Wie sich in meiner last minute Streckenansicht herausstellte, ist mein Staffelteil nicht nur höher, sondern auch länger, dafür laufe ich in der Nacht und geregnet hat es auch noch. Ich glaube Max ist etwas sauer auf mich, weil ich ihm den zweiten Streckenabschnitt attraktiver verkauft habe, als er eigentlich ist. Aber hey, ich lief letztes Jahr die gesamte Strecke und die letzten 50 sahen dabei einfach anders aus - alles war viel steiler und anstrengender - hätte er doch wissen können?!

Irgendwann befand ich mich auf über 2000m Höhe, im Schneefeld, als ich mich umdrehte erleuchteten hunderte von Stirnlampen den bisherigen Weg, etliche werden erst später in Kals und noch viel später in Kaprun erscheinen. Der Wettkampfspirit ergriff mich nicht, ich sah viele Läufer um mich herum, konnte sie aber keinem Wettbewerb zuordnen, nur wenige sind Staffelläufer und nur bei einer handvoll erhascht man einen kurzen Blick auf die Startnummer.

Schon fast entschuldigend rannte ich von einer Verpflegung zur nächsten, der frenetische Jubel verstummte kurz, als ich meinte, meine Reise hört bereits in Kals auf. Auch ich wirke etwas enttäuscht. Nach 30km war ich vom Sonnenaufgang noch weit entfernt, Max schläft noch, Jules auch und ich stand schon wieder hoch oben auf einem Geröllfeld und suchte in den Sternen (ehrlich gesagt habe ich nicht einmal nach oben geschaut) nach dem Wettkampfgeist, der mich diese Nacht nicht heimsuchte.

Neben meinen „Lasst mich durch“ - Monologen, fing ich innerhalb der AidStation plötzlich ein kurzes Gespräch an. Gehaltvoll sind diese Dialoge selten, aber als ich mich zu ihm umdrehte, verdeckte er seine Startnummer und das Licht meiner Lampe strahlte auf seine Hand, einen Bruchteil zuvor erkannte ich einen Bindestrich auf seiner Startnummer. Er war Staffelläufer und verdecke strategisch seine Nummer, um sich mir nicht zu offenbaren. Er war der erste den ich antraf und wir kannten beide unsere Platzierung nicht. In der Hoffnung auf einen echten Wettlauf zog ich das Tempo ein wenig an. Ich flog förmlich die Trails bergab und auf den geraden Passagen lief ich angestrengter. Mit einem Lächeln im Gesicht drehte ich mich um und starrte dabei erneut ins Schwarze. Ich erblickte einen kleinen Lichtstrahl, den ich wohl nicht mehr sehen werde, bevor die Sonne aufgeht.

Es gab auch gute Momente: Ich vergaß meine Salztabletten, verlor meine Wasserflasche und zerbrach einen meiner beiden Stöcke in der Mitte vom ersten Anstieg. Ich passierte die Stelle im Dunkeln, bei der letztes Jahr bereits die Sonne aufging. Ich fühle mich fitter und habe endlich freien Lauf. Die Anstiege fallen mir schwer, habe ich den Stockeinsatz im Training doch geübt, muss ich nun wieder (im wahrsten Sinne des Wortes) auf meine Oberschenkel zurückgreifen. Kals war letztes Jahr ein richtiger Meilenstein und eine gut bestücke Station auf dem Weg zum 110. Kilometer. Dieses Jahr ist es nur „mein Ziel“. Die letzten Kilometer führen über einen schicken Waldweg und anschließend runter nach Kals. Die Lampe hatte ich vor einer Stunde weggepackt und ich hörte bereits die Sprecherin in der Wechselstation. Ein letztes Mal wurde ich beklatscht, gab zu, nur die Staffel zu laufen, realisierte, dass mein Lauf nun vorbei sein würde. Und. Dann. War. Schluss. Max wartete wie ein echter Staffelpartner auf meine Ankunft, wir wechselten schnelle Worte und ich nahm Platz auf der Bank. Jules wartete bereits mit Auto und Wechselklamotten. Der Tag verlief nur sehr langsam, immer wieder schaute ich im Online-Ranking nach Max‘ Position, aber durch den unterschiedlichen Start der Staffelläufer war die Platzierung nicht sofort erkennbar.

Am Abend die Gewissheit: Bei der Siegerehrung der Staffel wurden wir als letztes aufgerufen, der Platz in der Mitte war noch frei und wir waren in einem Livestream!

MAX

Jules und ich sind früh um 4:00 Uhr zum Wechselpunkt nach Kals gefahren. Leider wurde der Start des 50km Laufes von 8 auf 6 vorverschoben, da es eine erhöhte Gewittergefahr ab dem frühen Nachmittag gab. Durch diese Gefahr, wurde den 2. Läufern der Staffel angeboten, mit den 50k Läufern zu starten. Ich musste also eine Entscheidung treffen: entweder starte ich mit den 50ern oder warte auf Attila und renne dann los, habe aber die ganzen 50er früher oder später vor mir auf der Strecke? Ich entschied mich für die, meiner Auffassung nach, einzig richtige Entscheidung und wartete lieber auf Attila, um das Ding als Team und nicht als 2 Einzelkämpfer durchzuziehen. Attila, Maschine die er ist, kam rein, übergab mir das Medipack und eine Flasche und ich zog nach kurzen Klaps auf den Hintern ab – auf der Verfolgung der 50er, die ca. 35min vor mir gestartet waren. Nach 30min kassierte ich die ersten Nachzügler und ahnte böses für die An- und Abstiege auf den Singletrails, die im Mittelteil des Laufes kamen.

Am ersten Anstieg begann die erwartete Schlacht: ein Überholmanöver jagte das nächste – ständig musste ich darum bitten, dass mich Läufer vorbeilassen, manchmal einfach so überholen, weil die in-ears zu tief im Ohr saßen oder die Musik zu laut rauschte, um mich von hinten zu verstehen. Kurz vor Ende des ersten Anstiegs stürtzte ein Läufer vor mir und ich hatte schon Angst, dass das passiert sei, weil er mich vorbeilassen wollte – aber er hatte nur nen Krampf. Ich bot ihm eine Salztablette an und durfte ihm diese noch in den Mund stecken, weil er mit seinen Stöcken beschäftigt war. Fun fact: kurz danach verlor ich meine Salztabletten (wahrscheinlich) bei einem Sturz – so hab ich sie wenigstens noch für einen guten Zweck eingesetzt.

Leider ging das ganze Überhole nun genau so weiter – entlang aller Singletrails, die nicht nur die 50er, sondern auch die 75er liefen entlang derselben Strecke (aufgrund ihrer verkürzten Strecke) und dann kamen später auch noch die 30er dazu.

So kam ich leider nie in mein Tempo, sondern hatte nur mit einem Manöver nach dem nächsten zu tun, was so einige kleine Stürze mit sich zog. Das fühlt sich in etwa so an, wie als zügiger Läufer bei der REWE Team Challenge in der Mitte eines großen Startblocks zu starten – nur am Berg und auf 50km. Wirklich ungünstig geplant, von der Rennleitung... Die Staffelläufer, die mit dem 50er gestartet sind, hatten damit natürlich nur in deutlich geringeren Maßen zu kämpfen – das ganze kann also auch nicht objektiv gewertet werden.

Das klingt jetzt sehr negativ, die meisten Läufer waren aber sehr nett und haben mich oft schnell vorbeigelassen. Einige wenige aber nicht. Die schlimmste Episode war die Folgende:

Ein kleiner, älterer, langsamer Mann der 30er Distanz, wanderte gemütlich vor mir auf einem sehr engen Singletrail dem letzten Sattel entgegen und reagierte gar nicht auf mehrmalige Bitten mich vorbeizulassen. Als er dann doch reagierte, sagte er, dass er mich nicht vorbeilässt: er hat ja genauso für den Kurs bezahlt wie ich… Ich ließ das so stehen und riskierte kurzerhand meine eigene Gesundheit, um schnell und absolut erbost an ihm vorbeizukommen – die nächsten ließen mich wieder schnell und freundlich grüßend vorbei — meistens.

Sobald solche Gedanken im Kopf kreisen, wirkt sich das direkt auf die Moral und auch die Leistung aus (zumindest bei mir): es galt das Rennen noch irgendwie zu Ende zu bringen.

Ich bin dann unspektakulär ins Ziel, weil ich eigentlich schon mit dem Rennen abgeschlossen hatte, aber wir sind dann tatsächlich noch 1. Platz in der Staffel geworden.

(Ich hoffe, der verbitterte Mann hat mitbekommen, dass er dem Siegerteam das Vorbeiziehen untersagte)

Zu viel negatives: der Mittelteil des Kurses hat wirklich Charakter! Schön steil und angenehm technisch. Wenn weniger Leute auf dem Kurs sind, macht der bestimmt richtig viel Spaß. Sehr positiv fand ich auch, dass es an den Verpflegungsstellen nur Getränke zum Abfüllen gab. Man musste sich also einen Becher mitbringen oder es einfach in die Flaschen abfüllen und es entsteht wesentlich weniger Müll.

Der Transalpine Run kann kommen – zuvor wird aber noch eine Woche hart in den Alpen trainiert.

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