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Mein Ziel: 42,195 Kilometer in unter drei Stunden - 2. Versuch

42,195 Kilometer in unter drei Stunden – definitiv kein Zuckerschlecken! Erst im Mai beim Marathon in Prag habe ich mir daran die Zähne ausgebissen (Hier geht's zum Blogbeitrag). Bei 3:04:06 Stunden blieb damals die Uhr stehen. Meine Bestzeit hatte ich mithilfe des Trainingsplans von Kerstin Helm (vom Laufszene Training) zwar um mehr als sechs Minuten verbessert, das Ziel aber um 246 Sekunden verpasst. Was nun? Die Laufschuhe also an den Nagel hängen? Von wegen!

Die Lust auf die Erfüllung meines Traums blieb ungebrochen. Noch auf der Rückfahrt nach Dresden suchte ich mir ein neues Ziel für einen weiteren Versuch im Herbst. Der Ort der Wahl: Tallinn! In Estlands Hauptstadt soll es am 9. September endlich klappen.

Doch bevor es soweit ist, hieß es Regeneration und Fehleranalyse. Den kompletten Mai legte ich (bis auf den Nachtlauf in Leipzig) die Füße hoch und machte mir mit meiner Trainerin Gedanken, warum mir in Tschechien die Luft ausging - obwohl ich mich megafit fühlte. Unsere These: Die mangelnde Ernährung während des Marathons und die fehlende Tempohärte.

Die Folge: Statt auf Masse, sollte im nächsten Trainingszyklus vor allem aufs Tempo gedrückt werden. Eine Marschroute, die meine Einheiten in den folgenden zwölf Wochen nicht unbedingt leichter machen würden. Anfang Juni gab es dazu eine weitere Änderung. Trainierte ich zuletzt meist allein, suchte ich mir nun an meinem Arbeitsort in Leipzig eine Laufgruppe und wurde beim SC DHfK und Ute Müller fündig. Zweimal die Woche ging es nun gemeinsam durch den Wald oder über die Bahn.

Doch das waren nur zwei von meist fünf Einheiten pro Woche. Verlief der Juni noch relativ locker, zogen Kerstin und ihr Kollege Christian Gertel, der sie im Urlaub grandios vertrat, im Juli die Zügel an. Knallharte Intervall-Einheiten (u.a. 8x1000 Meter in 3.40 Minuten), Tempodauerläufe und Läufe mit Temposteigerungen wurden immer mehr, um mich an mein Marathontempo von 4.10/4.15 Minuten pro Kilometer zu gewöhnen – und das bei bis zu 38 Grad! Der Super-Sommer ließ meine Gedanken das ein oder andere Mal abschweifen. Zu gern hätte ich eine Einheit weggelassen und die Lauf- gegen die Badehose getauscht. Doch mein innerer Schweinehund und meine „elektronische Handfessel“, die Laufuhr, die alle Daten sofort ans Laufszene-Trainingsportal übermittelt, hinderten mich am blaumachen...

Aber wie sieht es mit der Leistungssteigerung aus? Da ich nur an wenigen Volksläufen teilnehme, wusste ich lange Zeit nicht, wo ich stehe. Das Training wurde zunehmend anstrengender und das Marathontempo zu erreichen, fiel mir immer schwerer. Zum Glück kam dann der Nachtlauf in Dresden am 17. August! Kerstins Vorgabe, die 13,8 Kilometer lange Strecke unter 59 Minuten zu laufen, schätzte ich als sehr ambitioniert ein. Aber was dann am Ende passierte, verblüffte uns beide. Das Rennen lief grandios, und meine Uhr blieb bei 53:17 Minuten stehen, was einen Schnitt von 3:53 Minuten bedeutete – Wahnsinn! Gut drei Wochen vorm Marathon hatte ich erstmals das Gefühl, ich kann es wirklich packen. Würde da nicht mein Gewicht und mein Kopf noch eine Rolle spielen...

Durch das harte Training wirkte mein Körper zwar durchtrainiert, mit 58 Kilo bei 1,76 Meter war ich aber so leicht, wie lange nicht mehr. Um gegenzusteuern musste ich meinen Fast-Food-Genuss auf eine Mahlzeit pro Woche reduzieren und stattdessen nach jeder Einheit einen Protein-Shake trinken. Was ich am Anfang eher nur Kerstin zuliebe machte, funktionierte wirklich. Ich pendelte mich vorm Marathon wieder bei 59,5 Kilo ein – perfektes Wettkampfgewicht (zumindest für mich).

Bliebe das Problem mit dem Kopf. Jeder Tag, an dem Tallinn näher rückte, wurden meine Selbstzweifel größer – und dass, obwohl ich nur zwei Einheiten sausen lassen musste, perfekt trainierte und einen super Nachtlauf in den Beinen hatte. Auch in Estland angekommen änderte sich die Situation nicht. Den Abend davor war ich angespannter denn je, dass die Nacht dann nicht unbedingt besser wurde, kann man sich vorstellen. Immerhin, wie schon in Prag funktionierte Kerstins „Frühstücksplan“. Auch wenn mich der Geschmack von Toast mit Honig noch immer nicht völlig überzeugt, behielt ich das Frühstück wenigstens drin und musste mich nicht wie in den Jahren zuvor übergeben.

Das gute an Tallinn: Mit der Startnummer 233 stand ich direkt im ersten Startblock. Kein Wunder, der Marathon ist zwar der größte des Landes, mit nur 3000 Teilnehmern kommt er aber nicht annähernd an die Größe der Marathons heran, die ich vorher lief.

Punkt 9 Uhr fiel der Startschuss und die minutiös geplante Mission Sub3 begann. Wie schon in Prag hieß die Taktik mit 4.10 pro Kilometer anzugehen und hoffentlich erst spät und dann nur wenig langsamer zu werden. Und die klappte richtig gut. Denn diesmal war ich disziplinierter! In Prag noch viel zu schnell angegangen, lag ich bei Kilometer 10 nur 12 Sekunden unter unserer geplanten Marschzeit von 41.10 Minuten.

Bei Kilometer elf lief ich auf eine Gruppe um eine estnische Marathonläuferin auf. Marion nahm an der estnischen Meisterschaft teil, hatte ihren eigenen Tempomacher und zog gleichzeitig fünf andere Sportler im Windschatten mit – mein Glück! Denn der Pulk lief genau mein Tempo!

Problemlos passierten wir die Halbmarathon-Marke bei 1:27:36 – es lief! Neben Marion verging die Zeit wie im Flug. Doch was, wenn irgendwann wieder der Mann mit dem Hammer an der Straße auf mich wartet? Immer wieder spukte dieses Szenario durch meinen Kopf. Kommt dann der schonungslose Einbruch? Um den so gering wie möglich zu halten, nahm ich mir fest vor, der Gruppe so lange wie möglich zu folgen. Doch während ich auch nach über 30 Kilometern noch keine Ermüdungserscheinungen spürte, hatte Marion langsam zu kämpfen.

Ich entschied mich deshalb für die Flucht nach vorn, hielt meinen Schnitt und setzte mich ab. Ein Himmelfahrtskommando? Der Gedanke lief zumindest weiter im Hinterkopf mit. Als Einzelkämpfer passierte ich die 35-Kilometer-Marke und intensivierte meine Rechenkünste. Wieviel habe ich Puffer, wenn ich gleich einbreche? Wie langsam kann ich laufen, wenn mein Schnitt von den 4.10 pro Kilometer abweicht? Doch es passierte nichts!

Spätestens ab Kilometer 39 war ich mir sicher, heute ist mein Tag. Erstmals konnten mich die wenigen Zuschauer an der Strecke lächeln sehen. Ich genoss den Moment und bog in die historische Innenstadt ein. Die letzten 500 Meter ging es über Kopfsteinpflaster bergauf. Dass sich dabei vereinzelt kleine Krämpfe meldeten, war mir egal. Denn auch humpelnd würde ich es jetzt schaffen.

Als ich über die Ziellinie lief, blieb die Uhr bei 2:55:21 stehen – Wahnsinn! Traum erfüllt und dann auch noch so deutlich. Brach ich in Prag danach sofort im Zielbereich zusammen und wachte im Sani-Zelt auf, übermannten mich diesmal die Emotionen. Das Adrenalin entlud sich und ließ mich minutenlang weinen – vor Freude versteht sich. „Lach doch mal“, sagten meine Begleiter. Doch es ging einfach nicht.

Völlig perplex konnte ich erst rund eine Stunde nach Zieleinlauf realisieren, was die Stunden vorher passiert ist. Ich hatte es geschafft! Die schweißtreibende, kräftezehrende und vor allem harte Arbeit hatte sich gelohnt. Die Aufregung, Tage vorm Start war völlig unnötig. Denn dank des Trainings der Laufszene war ich auf den Punkt fit. Die beeindruckenden Zahlen: Innerhalb von vier Monaten hatte ich mich um mehr als neun Minuten verbessert. Die Steigerung zu meinem letzten Marathon ohne Kerstin lag sogar bei mehr als 15 Minuten!

Logisch, dass ich die Trainer der Laufszene deshalb immer weiterempfehlen würde. Doch was kommt jetzt? Meinen Plan, für jeden Buchstaben im Alphabet eine Stadt zu suchen und dort einen Marathon zu laufen, verfolge ich weiter. Im November steht deshalb noch der New York-Marathon als Saisonausklang im Kalender, ob ich aber nochmal meine neue Bestzeit angreifen werde, ist derzeit jedoch völlig offen...

1 Kommentar

  • Kalle
    15. Oktober, 2018 um 21:09

    Hammer!! Was ne Leistung - kannste richtig stolz auf dich und deine Trainer sein :-) Freut mich voll für dich und ich bin gespannt wo su in den nächsten 5, 10, 15 Jahren stehen wirst - mach ordentlich weiter so! Liebe Grüße und bis vielleicht bald mal zu einem Longjog oder ähnlichem. Kalle

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